Grenzen setzen in der Hundeerziehung

Gedanken zu einem kontrovers diskutiertem Thema

Das Thema „Grenzen setzen“ in der Erziehung hat die Hundeszene erreicht. Namhafte Trainerinnen halten dazu Vorträge und Seminare. Verlage und Fachzeitschriften veröffentlichen Beiträge und auf zahlreichen Veranstaltungen, Hundeplätzen und aus Trainermund landauf landab hört man es immer und wieder: Dem Hund müssen Grenzen gesetzt werden, denn nur wem Grenzen gesetzt werden, der kann sich glücklich entwickeln.

Häufig wird dann auch argumentiert, dass viele Hundebesitzer heute eher einen Laissez-faire-Erziehungsstil pflegen und den Hund mit Leckerchen und Lob überhäufen, statt ihm klar aufzuzeigen, wie weit er gehen kann. Trainingsmethoden, die auf der Basis positiver Verstärkung basieren, werden dabei oft mit antiautoritärer  Kindererziehung verglichen.
Sicherlich gibt es Menschen, die Hund und/oder Kind so erziehen, bzw. wenn man genau hinschaut: Eigentlich gar nicht erziehen. 
Die Unterstellung, dass positivarbeitende Trainer auf Regeln oder Grenzen verzichteten, ist jedoch unzutreffend und dient oft einfach der Polemik. Durch diese Polarisation in der öffentlichen Darstellung kann man zumindest beim unkritischen Konsumenten den Eindruck erwecken, als sei die eigene „Grenzen setzende“ Haltung die erfolgversprechendere und bessere Trainingsmethode.

Grenzen zu setzen in der Erziehung heißt, dass man Regeln im Zusammenleben festlegt und auf deren Einhaltung besteht. Ohne solche Regeln wäre das Zusammenleben von Individuen in einer Gemeinschaft kaum möglich. Dabei entstehen viele Regeln fast von selbst, Diskussionen sind oft gar nicht nötig, weil über viele Dinge gleich Verständigung erzielt werden kann, weil sie allen sinnvoll und notwendig erscheinen. Diskussionswürdig ist allenfalls in welchem Umfang Regeln aufgestellt werden müssen und wie am sinnvollsten. „Grenzen setzen“ unter Hundehaltern bedeutet aber häufig etwas anderes. Es ist eine oft gebrauchte Phrase in Formulierungen wie: „Das kann man dem Hund aber nicht durchgehen lassen!“, „Nun reicht’s aber!“, „Ich bin ja geduldig, aber…“. Die Haltung des Sprechers ist dabei eine deutlich entnervte, evt. frustrierte und nicht selten ist die entsprechende Handlung, die dieser Aussage folgt, eine entsprechende: Aufgrund des aufgestauten Ärgers kommt es dann zu überzogenen Reaktionen.

Diese Hundehalter könnten sich selbst entlasten, wenn sie sich vorher überlegen würden, was  sie denn eigentlich von ihrem Hund erwarten, was er nicht tun soll und was er stattdessen machen soll – also: Wenn sie planvoll an die Hundeerziehung herangehen und rechtzeitig entsprechendes Verhalten trainieren. Vielleicht haben Sie auch schon häufiger Hundehalter getroffen, die in bestimmten Situationen beständig "Nein!" zu ihrem Hund gesagt haben. Wenn sie solche Szenen beobachten fällt auf, wie schwer es dem Hund fällt, auf dieses "Nein!" entsprechend zu reagieren. Je nachdem, wie trainiert wurde, tut der Hund sich entweder extrem schwer, der Aufforderung zu folgen (was den Menschen zu einer beständigen Wiederholung der Aufforderung treibt und extrem stresst) oder der Hund folgt ihr recht schnell - und dann lohnt in der Regel die Beobachtung der Körpersprache des Hundes, die nahezu immer Konflikt-oder Beschwichtigungssignale enthält und anzeigt, dass er gerade nicht wirklich freiwillig und gerne folgt. Ein "Nein!" oder "Lass das!" enthält eben keine Anweisung, was man denn tun soll. Und das ist im Verhalten schwer umzusetzen - für Menschen übrigens auch. Wenn man nur gesagt bekommt, dass man etwas so nicht machen soll, dann hat man noch keine Information darüber, was denn erwünscht bzw. richtiges Verhalten ist. Ein Training, welches die Handlungsalternativen vorher aufzeigt und unter Signal stellt, so dass es in entsprechenden Situationen abgerufen werden kann, ist deshalb für den Hund einsichtiger, für den Mensch entspannender und somit insgesamt erfolgreicher.

Regeln stehen immer in einem Spannungsfeld: Sie müssen so aufgestellt sein, dass sie dem Gegenüber sinnvoll erscheinen und innerhalb ihrer „Grenzen“ individuelle Bedürfnisse noch befriedigt werden können – ist dies nicht der Fall, wird das Gegenüber versuchen, die Regeln zu unterlaufen bzw. überhaupt nicht akzeptieren. Beim Hund kommt hier erschwerend dazu, dass instinktgeleitetes Verhalten (z.B. Jagen) ihm Dinge sinnvoll erscheinen lässt, die vom Menschen aber als höchst unerwünscht wahrgenommen werden.

Grenzen können auch nur in einem Bereich gesetzt werden können, der vom Gegenüber willentlich steuerbar ist. Wenn das Gegenüber z.B. Angst empfindet, kann es nicht mehr willentlich seine körperliche Reaktion steuern – hier macht also „Grenzen setzen“ keinen Sinn. Wenn der Hund allerdings lediglich aufmerksamkeitsheischendes Verhalten zeigt, dann kann man jedoch durchaus eine Grenze ziehen. Grenzen regeln also grundsätzlich die Verhaltensmöglichkeiten in einer Beziehung. Das eröffnet viel Spielraum, denn Toleranz und Empfindlichkeiten sind individuell unterschiedlich ausgeprägt – der eine hat nichts dagegen, dass der Hund im Bett schläft, der andere mag ihn noch nicht mal im Schlafzimmer haben wollen.

Es gibt unterschiedliche Möglichkeiten in der Erfahrung von Grenzen: Wir können anderen Grenzen setzen; wir können eigene Grenzen erleben und die Grenzen anderer respektieren. Auch der Hund setzt uns Grenzen, z.B. wenn er seinen Knochen uns gegenüber verteidigt (oder anderes ressourcenverteidigendes Verhalten zeigt). Viele Hundehalter fühlen sich dann in ihrem Machtanspruch gegenüber dem Hund bedroht und es kommt zu den o.g. Aussagen mit dem Wunsch nach einer intensiven Reaktion. Auch eine Strategie wäre es jedoch, die Grenze, die der Hund gezogen hat, erst einmal zu akzeptieren und ein entsprechendes Training anzuschließen.

Häufig hört man auch das Argument: „Grenzen schaffen Freiräume“ – das ist unpräzise ausgedrückt. Richtig ist: Grenzen schaffen Freiräume für den, der sie setzt. Sie schaffen sie auch für den, der sie gesetzt bekommt, aber:  „Freiraum“ bezieht sich dann nur auf die Straffreiheit, die er erfährt, wenn er innerhalb der Grenzen bleibt. Es ist damit nicht unbedingt Freiraum in Beziehung auf die Bedürfnisbefriedigung erreicht. Diese ist aber enorm wichtig – sie darf keinesfalls auf der Strecke bleiben. Grenzen in der Mensch-Hund-Beziehung sind nicht starr gesetzt, häufig macht einem z.B. die Umwelt einen Strich durch die Rechnung. Wenn ich möchte, dass mein Hund im Restaurant unter dem Tisch liegen bleibt und kein Kontakt zu den anderen Gästen aufnimmt, dann kann es dennoch einmal passieren, dass ein Mitmensch den Hund anspricht und streichelt. Kein Hundebesitzer hat hier die absolute Kontrolle.

Wenn man dem Hund Grenzen setzt, so sollte man daher einige Dinge beachten:
Niemals sollte man gegen das Tier angehen. Wenn man dem Hund einmal zeigen möchte, wo „der Hammer hängt“, so baut das nichts anderes als eine Konfrontation in der Beziehung auf, die ganz sicher weitere negative Konsequenzen unerwünschter Art nach sich ziehen wird.

Man sollte sich vielmehr über seine Erwartungen an das Zusammenleben bewusst werden und dann entsprechend konsequent handeln und zwar freundlich und fair, dem sprachlichen Bild des Handlungsrahmens gerecht werdend: Innerhalb bestimmter festgelegter äußerer „Leisten“ arbeitet man am Verhalten - dem des Hundes und des eigenen, denn das bedingt sich natürlich gegenseitig. Das alles bewegt sich zudem in den Grenzen der Gesetze des Lernens.

Grenzen setzen ist somit auch gar nichts Besonderes, Verhalten wird eingeschränkt – jeden Tag, in vielen Situationen. Das kann bewusst passieren: Man verändert die Situation (in der das unerwünschte Verhalten auftritt) und man ändert die Konsequenzen (wenn es auftritt), man unterbricht, hemmt oder blockiert Verhalten;  manchmal auch unbewusst bzw. durch die Umwelt verursacht. Das alles ist letztlich nichts anderes als Lernen.

„Grenzen setzen“ so wie es viele Trainer verstehen ist hingegen allein ein anderer Ausdruck für Verhaltenshemmung (=Bestrafung). Das ist ein sehr enges Verständnis und fokussiert den Blick auf vermeintliches Fehlverhalten.  „Bestrafung“  im Sinne der behavioristischen Lerntheorie ist wertneutral – man muss allerdings wissen, wie man richtig machen muss, denn ein schlecht eingesetzte und angewandte Bestrafung erreicht das Gegenteil von dem, was sie anstrebt: Nämlich mehr Aggressivität oder Hyperaktivität beim Hund.
Hier gibt es auch keinen Gegensatz zur Belohnung oder zur Arbeit mit positiver Verstärkung. Um es an einem Beispiel klar zu machen: Der Hundehalter möchte, dass sein Hund die Belohnung ‚höflich‘ aus der Hand nimmt und nicht dabei in die Hand beißt oder gierig zuschnappt. In Folge dessen wird die Belohnung nicht freigegeben, wenn der Hund nicht das gewünschte Verhalten zeigt. Das ist nur ein Beispiel für eine Vielzahl von Lernsituationen, in denen der Hund in seinem Verhalten bewusst vom Halter begrenzt wird.

„Grenzen setzen“ wird auch häufig gleichgesetzt mit dem oben bereits thematisierten „Nein“ sagen, d.h. der Hund erfährt eine Einschränkung, die ihn notwendigerweise frustrieren wird. (Tut sie es nicht, war die Grenze überflüssig, weil der Hund sie überhaupt nicht also solche empfunden hat.) Die Fähigkeit mit Frustration umzugehen, ist individuell sehr unterschiedlich ausgeprägt. Frust stresst. Tendenziell zeigen viele frustrierte Hunde aggressives, zappeliges Verhalten, was zu weiteren Verhaltens-problemen führen kann. Setzt man Grenzen also falsch bzw. ungeschickt, kann es schnell passieren, dass sich die Verhaltensprobleme nicht bessern, sondern verstärken und man unversehens „neue Baustellen“ hat. 

Grenzen müssen also sehr geschickt gesetzt werden und es bedarf einer ausführlichen Analyse des aktuellen Standes der Hund-Mensch-Beziehung, bevor man überhaupt damit anfängt. Folgende Fragen sollten dabei z.B. beantwortet werden: Wie lange kann sich der Hund frei bewegen? Wie lange läuft er an der Leine? Wie oft wird er auf seinen Platz geschickt? Wie lange liegt er dort? Wie oft bzw. wie lange muss er sich in einer Box aufhalten? Gerade Einschränkungen der Bewegungsfreiheit werden oft als extrem frustrierend erfahren. Manches „Problemverhalten“ (wie z.B. schnelle Aggressivität und häufiges Bellen) ist die Folge zu übermäßiger Einschränkung – das macht das Zusammenleben also nicht einfacher, sondern schafft genau das Gegenteil. Gerade deshalb sollte der Hundehalter sich immer kritisch überprüfen: Sind die gesetzten Grenzen wirklich nötig?

„Nein“ ist letztlich auch schnell gesagt und bequem für den Halter: Es richtet die Aufmerksamkeit auf Fehler. Das ist ein allgewärtiges Problem nicht nur in der Mensch-Hund-Beziehung, sondern wir alle kennen es aus der Schule und letztlich auch aus weiten Teilen des Berufslebens – wir leben in einer Fehlerkultur. Das bedeutet, dass wir alle von klein auf damit konfrontiert werden, was wir falsch machen und damit immer wieder vor Augen gehalten bekommen, was wir nicht können bzw. nicht gut machen. Viel seltener wird gesagt, was man denn gut gemacht hat, bzw. gut kann. In sämtlichen Bewertungen aus der Schulzeit z.B. steht das Schlechte groß rot angestrichen im Vordergrund. Über Richtiges wird hingegen oft schnell hinweggegangen, es wird als selbstverständlich hingenommen. Wir scheinen das sehr zu internalisieren und machen es fortan selbst keinen Deut besser.

Das verändert aber notwendigerweise auch immer die Bewertung der Beziehung zu demjenigen, der mir diese Fehler- (also negative) Rückmeldung gibt.  Dem Hund geht es letztlich auch nicht anders, wenn er ständig nur gesagt bekommt, was er falsch macht. Deswegen sollte man auch hier den Stand der Dinge in der Mensch-Hund-Beziehung überprüfen: Wie ist das Verhältnis von Ja zu Nein?! Wie oft am Tag lobt man den Hund, bestätigt ihn; wie oft sagt man „Nein“ oder verbietet etwas? – Hier bietet sich das Führen einer Strichliste an, denn die eigene Wahrnehmung ist häufig schief. Sagt man zu oft „Nein“, dann führt das zu Frustration  oder auch zur Gegenkontrolle (d.h. zu dem Versuch, die Grenze zu umgehen). Der Hund tut dies unbewusst, er will einfach sein Bedürfnis befriedigen. Je motivierter ein Hund ist, etwas zu tun, desto schwieriger ist das Setzen von Grenzen in diesem Bereich. Ein „Nein“ hat auch noch weitere negative Aspekte: Es ist oft destruktiv, d.h. es demontiert, aber es baut nichts Neues auf, motiviert nicht, anderes anzugehen. Es ist leicht gesagt, aber nicht leicht gut gemacht. Ein „Nein“ dauerhaft und in allen Situationen durchzuhalten ist schwierig, aber unerlässlich – denn eine gesetzte Grenze muss erhalten und gesichert werden, sonst ist der Hund verunsichert. Und ein verunsicherter Hund zeigt wiederum Verhalten, das unerwünscht ist. Ein Teufelskreis. Deshalb sollte man Grenzen gut durchdenken, die Setzung gut durchführen und immer bedenken, dass das Sichern der Grenzen sehr anstrengend für den Halter ist – in Folge dessen sollte man sie sehr sparsam anwenden!

Unerwünschtes Hundeverhalten lässt sich in verschiedene Kategorien einteilen, auf die man unterschiedlich reagieren kann:

  • Stört das Verhalten manchmal, dann ist eine Verhaltensunterbrechung die beste Möglichkeit der Reaktion. Leckt mir der Hund immer über das Gesicht, wenn ich mir die  Schuhe zubinden möchte, dann schicke ich ihn ins „Platz“. Grundsätzlich ist das „Küssen“ aber weiterhin erlaubt. Und genau darum geht es. Solche kurzfristigen Grenzen dürfen niemals bedrohen, erschrecken, ängstigen oder gar schmerzen. Der Hund weiß dann nicht, woran er ist. Der Mensch wird in seiner Wahrnehmung unberechenbar.
  • Ist das Verhalten prinzipiell störend, dann ist eine Verhaltenshemmung angezeigt. Diese muss aber nicht übermäßig sein, damit der Hund sie versteht. Gerade körpersprachlich kann hier viel kommuniziert werden (Distanzunterschreitung). Wichtig ist, dass man ein akustisches Signal gibt, das ankündigt, dass man gleich für den Hund unangenehm reagieren wird, so dass er noch die Chance hat, entsprechend anders zu reagieren und ggf. das Verhalten selbst abzubrechen.
  • Ist das Verhalten gefährlich für Hund oder Mensch, dann ist erst mal Management die beste Wahl – sprich: Das gezeigte Verhalten sollte unmöglich gemacht werden (z.B. durch eine Leine).

Egal, in welche der drei Kategorien ein Verhalten fällt: Hunde können es keinesfalls verstehen, wenn sie für ein gezeigtes Verhalten einmal bestraft werden und es ein anderes Mal ungestraft stattfinden darf. Dies führt zu einer tiefen Verunsicherung des Hundes. Und über die Schwierigkeiten, die das konsequente Bestrafen für den Menschen mit sich bringt, haben wir oben bereits gesprochen. Deshalb sollte man Prioritäten setzen beim Ziehen der Grenzen: Welche sind wirklich wichtig – welche weniger? Unerlässlich ist es auch, erwünschte Verhaltensweisen aufzubauen.

Die klügste Art, „Nein“ zu sagen, ist das Bilden von Gewohnheiten. Rituale sind wichtig. Das setzt voraus, dass man vorausschauend denkt und in der entsprechenden Situation beharrlich reagiert. Beispiele hierfür sind das Warten an Türen oder das Betteln am Tisch – wenn die Hunde hier immer wieder auf ihren Platz (oder was entsprechend der Situation erforderlich ist) geschickt werden, dann werden sie irgendwann das Verhalten von allein zeigen, sobald sie in die Situation kommen.

Eine weitere Unterscheidung, die man vornehmen kann, hängt mit der Dauer der Grenzziehung zusammen. Zeitlich beschränkte Grenzen treten in Situationen auf, in denen ein Verhalten momentan unerwünscht ist (aber nicht generell). Beispiele sind der unpassende Spielantrag: Das Tau fliegt auf den Oberschenkel, aber die Schreibtischarbeit ist noch nicht beendet. Oder man ist auf der Gassi-Runde in Zeitnot und muss sich entsprechend beeilen, so dass ausgiebige Schnüffeleien oder Kontaktaufnahme mit anderen Hunden jetzt nicht möglich sind. Hier empfiehlt es sich, das Verhalten kurzfristig zu unterbrechen. Dies geschieht am besten durch das Auslösen von Alternativverhalten, wie z.B. auf den Platz schicken, Signal für Beendigung der Interaktion, Stop-Signal, usw.

Dauerhafte Grenzen setzt man am besten mit Hilfe von Management-Maßnahmen. Dies wird von manchen Menschen als „Armutszeugnis“ verstanden, weil sie glauben sich mit ihrer Person doch gegenüber dem Hund „durchsetzen“ zu müssen. Dies ist nicht der Fall. Letztlich liegt meiner Ansicht nach bei solchen Leuten ein falsches Verständnis der Mensch-Hund-Beziehung zugrunde, so dass eigentlich schon die Grundvoraussetzung nicht stimmt.

Dauerhafte Grenzen kann man auch mittels des Aufbaus von Gewohnheiten (s.o.) erreichen, bzw. über Verhaltenshemmung, d.h. Bestrafung. Dabei muss man allerdings wissen, dass man erlerntes Verhalten über Bestrafung hemmen kann, instinktives hingegen nur sehr schwer.  Aggressions-, Angst- und Jagdverhalten lassen sich somit entweder gar nicht oder nur sehr unzuverlässig über Bestrafung hemmen. Wenn man bestrafende Aktionen durchführt, dann sollte man die Regeln des Bestrafens (Konditionierung) einhalten, das Verhalten des Hundes immer beobachten und sofort reagieren. Grenzverletzungen dürfen niemals zugelassen werden. Das Alternativverhalten sollte zur Perfektion gebracht werden.

Ein Hund wird eine Grenze wesentlich schneller akzeptieren, wenn ihm eine befriedigende Alternative geboten wird. Gerade Besitzer jagender Hunde kennen das - der Hund bleibt zunächst an der langen Leine und wird mit Jagdersatzspielen in seinen Bedürfnissen befriedigt. Man kann auch mittels positiver Verstärkung Grenzen setzen – aber das hat wiederum seine Grenzen. Bei manchen Hunden kann also negative Bestrafung erforderlich sein. Auch hier darf nicht vergessen: Diese gehört immer angekündigt! Zeigt der Hund, dass er die Grenze akzeptiert hat, so gehört dies auf jeden Fall belohnt. Das Ausbleiben von Bestrafung mag theoretisch hinreichend sein – in der Praxis ist es das nicht. Dazu bietet die Umwelt zuviel.

Wo die Grenze der positiven Verstärkung liegt, hängt vor allem von der Motivation des Hundes ab (von seinem „Wollen“). Vielfältiges Belohnen verbessert in jedem Fall die Motivation. Natürlich scheint es ein einfacher und deshalb sehr verführerischer Weg über Bedrohung und Unbehagen des Hundes zu „arbeiten“, denn die Motivation jedes Lebewesens, sich in Sicherheit zu bringen, ist enorm groß (und verbessert somit das „Wollen“).  Zudem hat diese Form des „Arbeitens“ für den Menschen den Vorteil, dass er sich keine Gedanken über die Motivation des Hundes oder Belohnungssysteme machen muss.

Zusammenfassend:
Grenzen sind das Sichern von Regeln. Regeln müssen sinnvoll sein und dürfen der Biologie des Hundes nicht widersprechen, wenn sie es tun, müssen befriedigende Alternativen geschaffen werden. Regeln dürfen nicht unnötig einschränken (immer den Stand der Dinge in der Mensch-Hund-Beziehung im Blick haben!). Der Hund muss seine Bedürfnisse innerhalb der Grenzen befriedigen können. Der Aufbau von Grenzen kann durch Management, das Bilden von Gewohnheiten, Verhaltensunterbrechung und Verhaltenshemmung geschehen. Verhaltenshemmung ist nichts anderes als Bestrafung. Die Regeln des Bestrafens müssen dann unbedingt eingehalten werden, die Sicherung und der Erhalt so aufgestellter Grenzen sind schwierig.

Grenzen sollte man sparsam und beharrlich einsetzen, denn man muss sie auch bis zum Ende durchhalten. Voraussetzung ist daher, dass man den Hund gut kennen sollte – Pflegehunden oder Neuaufnahmen sollte man deshalb besser keine derartigen Grenzen setzen.

Wer Grenzen klug und geschickt wählt und bedürfnisorientiert durch planvolles Training absichert, erhält einen zufriedenen Hund, der im Rahmen der Umweltmöglichkeiten ein Höchstmaß an Freiheit in einer sicheren und freundlich zugewandten Mensch-Hund-Beziehung genießen kann.