Positiv lernen - der bessere Weg für Hund und Mensch

In den Schulen für Zweibeiner macht seit einiger Zeit ein Schlagwort die Runde – „gehirngerecht“ sollen die Schülerinnen und Schüler lernen. Neurowissenschaftliche Erkenntnisse haben gezeigt, dass die traditionelle Vorstellung vom Lernen, die das Gehirn als Behältnis angesehen hat, in das der Lehrer das Wissen regelrecht „eintrichtern“ soll, nicht passend ist.

Wenn Sie sich an Ihre eigene Schulzeit zurückerinnern, dann gab es bestimmt auch an Ihrer Schule wenigstens einen Lehrer, der im Wesentlichen vorne an der Tafel stand und 45 Minuten referiert hat, während Sie und Ihre Mitschüler zu passivem Zuhören verdonnert waren. Anschließend wurde geübt und überprüft – war das Ergebnis nicht stimmig, dann war klar, wer Schuld hatte, nämlich die Schüler, denn die Lehrweise war ja fachlich korrekt, die Methode seit Jahrzehnten praktiziert. Um das Problem zu lösen, wurde somit mehr Druck auf den Lerner ausgeübt. Da ist es nicht verwunderlich, wenn sich viele Menschen nicht gerne an ihre Schulzeit zurückerinnern - Angst, sich zu melden, das Gefühl vor der Klasse bloßgestellt zu werden, weil man eine Aufgabe nicht lösen kann oder die Antwort „falsch“ sein könnte - rote Tinte, in der die Fehler markiert werden und die somit besonders gut sichtbar das Fehlerhafte hervorhebt. Haben Sie sich durch solche Erlebnisse motiviert gefühlt, sich künftig mehr anzustrengen?!

Seien Sie ehrlich: Wenn dem so war, dann allenfalls aus einem negativen Gefühl heraus – eine Trotzreaktion auf eine Verletzung im Sinne von „Denen zeig ich es jetzt aber!“. Verständlich, denn niemand wird durch eine solche Rückmeldung positiv angeregt.  Schlechte Noten und beständiges Negativ-Feedback haben nachteilige Auswirkungen auf die Lern- und Leistungsbereitschaft.
Warum handeln also Lehrende und auch Eltern dennoch so? – Vermutlich weil sie es einfach nicht anders gelernt haben. Vorbilder und gemachte Erfahrungen bestimmen unser Handeln, wir verinnerlichen Muster und denken über vieles gar nicht nach.

Darum lohnt es sich auch für Hundebesitzer, einen Blick auf menschliche Lernerfahrungen zu werfen. Denn auch in der Hundeerziehung und in der Hundeschule wird leider immer noch zu oft unreflektiert gehandelt. Mensch und Hund lernen nach denselben Prinzipien und beide lernen leichter und effektiver, wenn sich der Unterricht an der Funktionsweise des Gehirns orientiert. Wer aufmerksam, motiviert und emotional dabei ist, der lernt nachweislich besser. Belohnungen wirken lernfördernder und nachhaltiger als Tadel und Bestrafungen.

„Erde an Hund!“ – Ohne Aufmerksamkeit läuft nichts

Das Gehirn ist immer aktiv – es überwacht permanent die Umwelt, filtert Sinneseindrücke und entscheidet, worauf es seine Aufmerksamkeit richtet. Will man bewusst etwas Neues lehren, so muss man zunächst die Aufmerksamkeit des Lerners bekommen. Darum empfiehlt es sich,  Hunden neue Signale immer erst in reizarmer Umgebung beizubringen, also in einem Umfeld, das dem Hund vertraut ist und wo es somit wenig Ablenkungen gibt. Selbst ein simples Signal in einer Gruppe mit acht Hunden auf dem Hundeplatz einzuführen, ist für den Hund viel schwieriger, weil seine Aufmerksamkeit sich dort auf so viele  Eindrücke verteilen muss, dass für ihn allein schon  die Fokussierung auf seinen Menschen um ein Vielfaches schwerer zu erreichen ist, geschweige denn auf einen neuen Lerninhalt.

Damit der Hund sich auch in solchen Situationen dem Menschen zuwendet, sollte man ein Signal einführen, dass den Hund Blickkontakt suchen lässt und ihm somit die Umorientierung erleichtert. Zunächst wird dazu jeder freiwillige (!) Blickkontakt des Hundes markiert und belohnt.  Wichtig dabei ist, dass der Blick wirklich vom Hund selbst angeboten wird und der Mensch nicht lockt oder ihn gar harsch befiehlt. Dies sollte oft und in verschiedenen Situationen geübt werden, bevor man zum nächsten Trainingsschritt übergeht und zwischen  dem freiwillig angebotenen Blickkontakt und dem Markieren und Belohnung ein Signalwort nennt (z.B. ‚Schau!‘, ‚Look!‘). Auch sollten die Belohnungen möglichst vielfältig und variabel gesetzt sein, zu den Gründen dafür später noch mehr.

Ein Hund, der gelernt hat, seinen Menschen auf Signal anzusehen, ist auch in einer reizvollen Situation nicht mehr so stark von der Umwelt abgelenkt und wird wieder offener auf den Menschen zu reagieren und Neues aufzunehmen.

Warum soll ich das tun? – Alles eine Frage der Motivation!

Vieles, was wir dem Hund abverlangen, macht aus seiner Perspektive erst einmal wenig oder gar keinen Sinn, er ist – überspitzt formuliert - für die menschliche Umwelt, wie sie sich heute in den Industrienationen darstellt, einfach nicht geschaffen. Hoch spezialisierte, auf Hüten, Jagen oder Bewachen züchterisch selektierte Rassehunde werden vornehmlich als Familienhunde gehalten. Das hundetypische Verhalten ist heute daher zumeist unerwünscht. Genau dieses Verhalten jedoch zu zeigen, befriedigt die Bedürfnisse des Hundes.

Das Beispiel des hetzenden Jagdhundes ist extrem, aber gerade deshalb lassen sich die ablaufenden Hirnmechanismen so gut daran aufzeigen. Für die meisten Jagdhunde gibt es nichts Schöneres auf der Welt als ein Beutetier zu hetzen. Dazu müssen sie von niemandem besonders motiviert werden, ihr Antrieb kommt von innen heraus und wird aktiviert sobald sie ein Kaninchen auf der Wiese sehen. Ihr Gehirn sagt ihnen, dass die Hatz eine wichtige und angenehme Tätigkeit ist. Dies geschieht durch die Ausschüttung von sog. Neurotransmittern, allen voran dem Dopamin. Dieses „Glückshormon“ kann regelrechte Rauschzustände auslösen und es sorgt dafür, dass der Hund diesen Zustand möglichst bald wieder erleben will. Jagen ist extrem selbstbelohnend, der Hund ist also intrinsisch (d.h. aus sich heraus) höchst motiviert, das Verhalten immer wieder zu zeigen. In der Regel möchte der Mensch das jedoch nicht. Dem Zweibeiner bleibt also nichts anderes übrig, als extrinsisch (d.h. von außen) auf den Hund einzuwirken, um das Verhalten zu verändern. „Zuckerbrot und Peitsche“ – das sind dann die beiden Möglichkeiten der extrinsischen Motivation: Belohnung und Strafe. Die Belohnung führt wiederum zur Ausschüttung von Glückshormons - und die Strafe?

Strafe führt zu keiner Dopamin-Ausschüttung – und damit auch zu keinem guten Gefühl, dass es sich lohnt wiederzuerlangen. Der gestrafte Hund wird künftig lediglich versuchen, die Bestrafung zu vermeiden und das auch nur, wenn sie entsprechend groß genug war, um die innere Motivation zu hemmen.

Ansprechend genug muss aber auch die Belohnung sein, die man der Hatz entgegensetzen will – es dürfte jedem klar sein, dass die meisten Hunde in solch einer Situation selbst mit dem feinsten Leckerli nicht vom Hasen abzubringen sind. Mit einem Hetzspiel oder einer Futterbeutelsuche aber vielleicht schon. Belohnungen können und müssen vielfältig sein, um zu wirken. Ein Lob aussprechen, zu einem anderen Hund laufen zu dürfen, ein Spiel, einem Geruch nach zu fährten – all das kann Glücksgefühle beim Hund auslösen und bedient somit das Belohnungszentrum im Gehirn. In dem Zusammenhang ist es auch interessant, dass die die Forschung nachgewiesen hat, dass auch die Begegnung mit allem Neuem und Unerwartetem zu einer Freisetzung von Dopamin führt. Optimales Lernen findet immer dann statt, wenn der Hund eine bestimmte Erwartung hat und diese übertroffen wird. Seien Sie also überraschend und einfallsreich, was Belohnungen anbetrifft.

Ist das aufregend! – Die Bedeutung von Gefühlen beim Lernen

Wenn Sie sich an Ihre Schulzeiterlebnisse erinnern, dann wird Ihnen ganz schnell bewusst: Gefühle haben einen großen Einfluss darauf, wie wir lernen. Auch das gilt in gleichem Maße für den Hund – wenn er z.B. ängstlich oder stark gestresst ist, kann er nichts Neues lernen und nichts Bekanntes abrufen – er hängt im emotionalen Zentrum seines Gehirns fest. Gefühle entstehen unwillkürlich und unbewusst, sie bzw. das entsprechende Verhalten treten auf, wenn der Hund Informationen über die Sinne wahrnimmt oder entsprechende Erinnerungen darüber wachgerufen werden. Für Menschen ist die Quelle seines Gefühlszustandes nicht immer erkennbar – wenn ein intakter Rüde beispielsweise scheinbar unvermittelt auf der menschenleeren Straße die Nackenhaare aufstellt, geifert und bellt als würde er gerade seinem Erzfeind ins Auge blicken, dann hat er sehr wahrscheinlich eine Geruchsspur genau desselben in die Nase bekommen. Genauso kann es passieren, dass der Hund plötzlich in scheinbar unverfänglicher Umgebung den Schwanz einzieht oder die Flucht ergreift, beispielsweise beim Anblick eines wehenden Vorhanges, den er zuvor ohne dass Sie es bewusst wahrgenommen haben mit dem lauten erschreckenden Knall einer zuschlagenden Tür in Verbindung gebracht hat. In beiden Situationen erscheint er Ihnen nicht mehr ansprechbar, in ihm läuft nun ein Reaktions-Programm ab, das ursprünglich Überleben sichern sollte: Kämpfen und flüchten sind probate Wege, einer Gefahr zu begegnen.

Extreme Gefühle und die damit verbundenen Erlebnisse graben sich allerdings auch viel stärker in unser Gehirn ein. Denken Sie an die besonders unangenehmen Schul- oder Prüfungssituationen: Sie leiden vielleicht noch heute darunter, dass Sie sie eben nicht vergessen können. Dieses Argument wird dann in der Hundeausbildung häufig angebracht, wenn es um den Einsatz heftiger Strafreize geht – der Hund müsse nur einmal richtig in den Stachler laufen oder sonst wie gepeinigt werden, um künftig vom gezeigten Verhalten kuriert zu sein, weil er sich Zeit seines Lebens daran erinnere, so die Annahme. Diese Rechnung geht nicht auf, denn große Angst bewirkt zwar rasches Lernen, ist jedoch dem Gesamtprozess des Lernens hinderlich: Der Hund kann das so Gelernte nicht hinreichend verknüpfen und in verschiedenen Situationen und Umgebungen gezielt und bewusst abrufen. Zudem löst diese Verknüpfung unangenehmen Stress aus, der weiteres unerwünschtes Verhalten zur Folge hat. Die Erfahrung machen diese Hundebesitzer dann auch häufig – nur unterstellen sie oft dem Hund dem Fehler: Dieser sei eben besonders „eigensinnig“ und „mit allen Wassern gewaschen“ und „teste immer wieder neu aus“.

Wiederum: Denken Sie an Ihre Schulerfahrungen zurück - auch Sie haben mit negativen Erfahrungen und Verletzungen keine Lernerfolge erzielt. Für eine dauerhafte Speicherung sowie für einen erfolgreichen Abruf der Informationen aus dem Gedächtnis sind positive Gefühle notwendig, Angst und Furcht können zwar kurzfristig das Einspeichern von neuen Inhalten fördern, langfristig jedoch führen sie zu den genannten negativen Effekten und chronischem Stress.

Sie können auch die positive Seite der Gefühle in diesem Zusammenhang nutzen: Sie erinnern sich auch besonders gut an die wunderschönen und angenehmen Erlebnisse in Ihrem Leben! An einen besonderen Moment oder einen lustigen Vorfall, an eine Geste oder eine Begegnung, die Sie berührt hat. Auch das ist beim Hund nicht anders. Lernen fällt leichter, wenn die Lektion an- oder aufregend ist und sich an den Bedürfnissen des Lerners orientiert. Nutzen Sie die Interessen des Hundes und zeigen Sie ihm, dass Sie sich auch für seine Welt begeistern können. Gefühle sind ansteckend. Freuen Sie sich z.B. mit ihm über das entdeckte Mauseloch und zeigen Sie Interesse daran.

Wenn es Ihnen so gelingt, ein angenehmes Lernklima zu erschaffen und zu Ihrem Hund eine positive Beziehung aufzubauen, er Ihnen vertrauen kann, dann können Sie auch seine Aufmerksamkeit und Motivation leichter beeinflussen. Mit anderen Worten: Er wird leichter und lieber lernen und mit Ihnen trainieren!

Tipps für das Lernen mit Köpfchen

Neben diesen Grundlagen für erfolgreiches und nachhaltiges Lernen gibt es noch weitere wichtige Aspekte, die man berücksichtigen sollte:

Üben, üben, üben!

Für Mensch wie Hund gilt: Wenn Nervenschaltkreise öfter betätigt werden, werden sie stabiler. Das heißt: Wiederholen Sie immer wieder in kleinen Einheiten bekannte Übungen, so dass sie gefestigt werden.

Pausen machen!

Die Hirnchemie braucht Zeit, um in Ruhe - nicht gestört durch neue, möglicherweise ähnliche Informationen – das Gelernte verarbeiten zu können. Diese sogenannte "Konsolidierung" (Verfestigung) ist ein wichtiger Gedächtnisprozess, der nach dem Lernen einsetzt. Hierbei werden fortlaufend neugebildete Gedächtnisspuren stabilisiert und verbessert. Vielleicht hast du bei deinem Hund auch schon mal das Erlebnis gehabt, dass er eine Übung scheinbar nicht ganz verstanden hat, er aber zwei  Tage später auf das entsprechende Signal die Ausführung völlig korrekt zeigt? Dann hatte er sehr wohl gelernt, aber das Gelernte noch nicht hinreichend verarbeitet – die Pause war somit wichtig und hilfreich für das Lernen.

Mit Begabungen arbeiten!

Schauen Sie genau hin und lassen Sie sich nicht von Ihrem Wunschbild eines Hundes leiten: Nutzen Sie das, was Ihr Hund von sich aus mitbringt und anbietet an Verhaltensrepertoire! Arbeiten Sie mit seinen Begabungen und Fähigkeiten und nicht gegen sie. Orientieren Sie sich dabei an seinen Bedürfnissen und erfüllen Sie sie – soweit es die Umwelt zulässt –, sonst wird ihm das Lernen keine Freude bereiten und entsprechend weniger erfolgreich sein.

Gehirngerechtes Lernen heißt weder beim Menschen noch beim Hund eine „Kuschelpädagogik“ anzuwenden, sondern es trägt lediglich dem Fakt Rechnung, das Lernen nun mal ein sehr komplexer Vorgang ist. Der Hund ist von Natur aus ein Lernender. Nur wenn ihm das Lernen auch Spaß macht, wird es schnell und nachhaltig an der richtigen Stelle gespeichert. Wichtig sind außerdem Motivation und Gefühle für das Lernen, die Notwendigkeit von Pausen und wiederholenden Übungseinheiten. Stress und Furcht haben negative Wirkung – umso bedeutsamer ist es, lernförderliche Rahmenbedingungen zu schaffen:
Eine angenehme Atmosphäre und eine gute Mensch-Hund-Beziehung sind daher notwendige Voraussetzungen für erfolgreiches Hundetraining.

Machen Sie den ersten Schritt und trainieren Sie den Hund mit Herz und Hirn!