Vorsicht bissiger Hund! - Aggression beim Hund verstehen

Ein Hund, der geifernd in der Leine hängt, sobald er einen Artgenossen, Jogger oder Fahrradfahrer erblickt; ein Hund, der niemanden ins Haus lässt; ein Hund, der sein Spielzeug auch mit Zähnen verteidigt – kaum ein hündisches Verhalten ist facettenreicher und verursacht dem Besitzer mehr Sorgen als Aggressionsverhalten. Verständlich, denn ein Hund, der droht, angreift und eventuell sogar beißt, wird zur Gefahr für sich und andere. Der gesellschaftliche Druck ist dementsprechend groß, die öffentliche Diskussion emotionsgeladen und sie hat nicht zuletzt zum flächendeckenden Leinenzwang und zu solchen Auswüchsen wie „Rasselisten“, die vermeintlich „gefährlichere“ Rassen erfassen und mit besonderen Haltungsauflagen verbinden, beigetragen.

Richtet man den Blick genauer auf die Sache, erkennt man jedoch schnell, dass sich ganz unterschiedliche Beweggründe für das Verhalten des Hundes finden, der Hund oftmals gar nicht wirklich aggressiv ist, sondern er möglicherweise aus Angst, Verunsicherung oder aufgrund von Schmerzen so agiert. Sieht sich der Mensch sich mit einem ‚aggressiven‘ Hund konfrontiert, muss also zunächst sorgfältig und möglichst unvoreingenommen analysiert werden, warum der Hund sich so verhält und nicht anders.

Wozu Aggression?

Es kann schon etwas Leidensdruck von den Betroffenen nehmen, wenn man sich klar macht, dass aggressives Verhalten erst einmal ein ganz natürliches ist. Es ist in jedem Lebewesen angelegt und dient dazu, das Überleben der Art bzw. des Individuums zu sichern. Somit ist eine Komponente des normalen Verhaltensrepertoires. James O’Heare definiert es dementsprechend in seinem sehr lesenswerten Buch „Das Aggressionsverhalten des Hundes“ (animal learn Verlag 2003) erst einmal recht neutral so: „Aggression ist artspezifisches Droh- und Angriffsverhalten, mit dem das Tier auf einen bestimmten Reiz reagiert.“ Liest man diesen Satz genau, so erkennt man, dass er schon eine ganze Menge Informationen bereithält: Aggressives Verhalten passiert demnach nie ohne Grund, es ist immer eine Reaktion auf einen „Reiz“. Es ist „artspezifisch“, d.h. alle Hunde können dieses Verhalten zeigen und in der Regel ist es auch gegen einen Artgenossen gerichtet. Aus der Tatsache, dass es sich als „Droh- und Angriffsverhalten“ zeigt, können wir schon auf Gründe für das Verhalten schließen:  Offensichtlich muss der auslösende Reiz so beschaffen sein, dass der Hund das Gefühl hat, dass es etwas zu verteidigen oder abzuwehren zu gilt. Als Hundehalter erkennt man in der Regel die äußeren Faktoren noch zumeist sehr gut, zum Beispiel den fremden Hund oder den Postboten. Bei den inneren Faktoren, die auch eine gewichtige Rolle spielen können, fällt das allerdings schon wesentlich schwerer – über den derzeitigen Hormonstatus des Hundes, machen wir uns nicht immer Gedanken. Sind gerade z.B. viele Hündinnen in der Nachbarschaft läufig, wird der Rüde sicherlich in vielen Situationen auf Umweltreize schneller aggressiv reagieren. Einen solchen Zusammenhang zu erkennen und herzustellen ist schon viel schwerer. Dasselbe gilt für Schmerzen. Wenn der Hund schnappt, weil er z.B. mit dem Fuß unter dem Tisch berührt worden ist,  dann ist es verständlich, dass der Hundebesitzer nicht unbedingt als erstes darauf kommt, dass der vermeintlich, weil gewohnt, gesunde Hund plötzlich schmerzbedingt und als Abwehrreaktion zubeißt. Auch Gefühlszustände wie Frust und Ärger beim Hund lassen sich ungleich viel schwerer vom Menschen entdecken. Völlig außen vorgelassen haben wir auch die Aggression zwecks Futterbeschaffung, also das Beutefangverhalten, die Jagd. Wenn der Hund z.B. Fahrrädern oder Joggern nachsetzt, muss sehr genau hingeschaut werden, ob das Verhalten jagdlich motiviert oder tatsächlich aggressiv ist.

Wie wird man ein Kämpfer?

Wir alle wissen, dass die Bereitschaft aggressives Verhalten zu zeigen, individuell unterschiedlich ausgeprägt ist – beim Menschen wie beim Hund. Es ist nachgewiesen, dass dieses Verhalten genetische Grundlagen hat. Dementsprechend ist es auch möglich züchterisch darauf oder dagegen zu selektieren. Ebenso wissen wir heute, dass Erfahrungen, die der Hund gemacht hat, sowie Lernprozesse das Aggressivitätsverhalten beeinflussen können. Damit ist gemeint, dass der Hund weiß, welche seiner Verhaltensweisen in der Vergangenheit in seiner Wahrnehmung erfolgreich waren. Wenn er z.B. den konkurrierenden Rüden durch Kampf vertreiben konnte, dann wird er auch künftig diese Strategie wählen, weil sie sich für ihn bewährt hat. Weiterhin gehören dazu aber auch andere soziale Erfahrungen, die der Hund gemacht hat – das betrifft sowohl innerartliche Kontakte (also Begegnungen mit anderen Hunden – schon beispielsweise in einer schlecht geführten Welpengruppe können hier falsche Verhaltensmuster für’s Leben gelernt werden) als auch die Beziehung und die Erfahrung, die mit dem Sozialpartner Mensch gemacht werden. Darüber hinaus spielt die aktuelle Situation des Hundes eine Rolle. Ein banales Beispiel: Es macht einen Unterschied, ob es hell oder dunkel draußen ist. In der Dunkelheit wird die Umwelt als bedrohlicher wahrgenommen, es ist wahrscheinlicher, dass der Hunde gegenüber potentiellen „Bedrohungen“, wie z.B. entgegenkommenden Fußgängern schneller aggressiv reagiert. Ebenso wird das der Fall sein, wenn er seine gesamte Lebenssituation im Moment als besonders stressend und  belastend empfindet (z.B. durch eine aus Hundesicht gravierende Veränderung, wie Ankunft eines Babies in der Familie oder Abgabe im Tierheim). Und zuletzt müssen immer auch noch körperliche Faktoren berücksichtigt werden – zum einen die, die sich im modernen Hundeleben in unserer Umwelt von selbst ergeben: Die Einschränkung durch die Leine ist hier z.B. eine nicht zu unterschätzende Frustrationsquelle. Auch die Einwirkung durch ein (Erziehungs)Halsband kann dem Hund neben der Einschränkung Schmerzen oder Unwohlsein verursachen.

Ein Hund, der akute oder chronische Schmerzen hat, reagiert schneller gereizt und damit auch aggressiv. Es gibt  Erkrankungen, die eine gesteigerte Aggressivität als Symptom haben (z.B. besondere Formen der Epilepsie;  Hirntumore können zu Wesensveränderungen führen; eine Unterfunktion der Schilddrüse ebenfalls).  Eine Abklärung solcher Ursachen durch den Tierarzt empfiehlt sich immer, besonders aber wenn das Verhalten plötzlich und unerwartet auftritt.

Sowohl  Genetik, Erfahrung als auch Umwelt beeinflussen also Aggressionsverhalten. Alle Faktoren bestimmen schließlich die Ausprägung der Hundepersönlichkeit.

„Jetzt zerbeiß‘ ich’s!“ – Auslöser für aggressives Verhalten

Was ein Hund als unangenehmen Reiz empfindet ist ebenfalls zum Teil angeboren und zum Teil erworben. Ein angeborener unangenehmer Reiz ist beispielsweise so etwas wie ein Insektenstich. Er löst beim Menschen wie beim Tier Abwehrverhalten aus. Der Schmerz des Einstichs oder auch nur das Summen der Mücke oder Wespe werden als Bedrohung wahrgenommen.

Überlegen Sie, wie Menschen darauf reagieren –  an diesem Beispiel lässt sich gut aufzeigen, wie vielschichtig die Reaktionen angelegt sind: Es gibt diejenigen, die mit Angst reagieren (wir alle kennen die Flüchter von der Garten-Kaffeetafel, die wohlmöglich noch wild um sich schlagend davon laufen, den leckeren Pflaumenkuchen einfach zurücklassend) oder solche, die aggressiv werden – die Serviette verkniffen packend und dem Insekt hinterherschlagend. Andere bleiben ruhig am Tisch sitzen, entweder still leidend oder amüsiert grinsend. Je nachdem, ob jemand auch noch allergisch ist, das Gefühl hat, häufig gestochen zu werden, ein starkes Schmerzempfinden hat oder wohlmöglich irgendwelche traumatischen Erlebnisse mit Insekten gehabt hat, fällt das Verhalten individuell ganz unterschiedlich aus. Der Mensch ist in der Lage solche Sachverhalte rational begreifen und reflektieren zu können – und er verhält sich dennoch höchst emotional.

Viel weniger noch können wir ‚einsichtiges‘ Verhalten in die Nichtigkeit von Auslösern und Unangemessenheit von Reaktionen von unseren Hunden erwarten.

Weder Hund noch Mensch können sich frei entscheiden, ob sie einen Reiz als negativ empfinden oder nicht. Die individuelle Persönlichkeit, die von den obengenannten Faktoren bestimmt wird, gibt dem Individuum vor, wie es die Welt wahrnimmt.

Des Pudels Kern

Hündische Aggression wird häufig ausgelöst durch Konkurrenz und Konflikte an sogenannten Ressourcen. Eine Ressource ist alles, was für den Hund wirklich überlebenswichtig ist und seiner Bedürfnisbefriedigung im erweiterten Sinne dient. Als überlebenswichtig wird natürlich Futter und Wasser angesehen. Im biologischen Sinne gehören dazu auch potentielle Fortpflanzungspartner und die Sicherung eines Territoriums, das hinreichend Lebensraum darstellt.

Sicherheit ist ein elementares und nicht zu unterschätzendes Bedürfnis und wird z.B. durch so etwas ganz Banales wie einen Liegeplatz repräsentiert.

Zuwendung und Nähe befriedigen soziale Bedürfnisse und werden durch Bezugspersonen oder andere Hunde abgebildet. Auch Spielzeuge oder irgendwelche Objekte, die aus menschlicher Sicht überhaupt gar nicht mit Bedürfnissen in Verbindung gebracht werden, können darunter fallen.  Den Wert als Ressource erhalten sie dadurch, dass der Hund sie für bedeutsam und wichtig hält.

Wird eine solche Ressource bedroht, z.B. indem man ihr zu nahe kommt, dann zeigt der Hund aggressives Verhalten: Das kann gegen den Menschen gerichtet sein, der nach dem Spielzeug greift oder den Kauknochen wegnehmen will oder den Hund auf seinem Ruheplatz stört. Gegen das Sicherheitsbedürfnis kann der Mensch auch verstoßen, wenn er den Hund körperlich bedrängt oder gar straft – der Hund wertet dies als Vertrauensbruch. Aggressives Verhalten gegen andere Hunde ist ebenfalls durch Konkurrenz und die Verteidigung von Ressourcen motiviert; nicht von ungefähr ist die Konfliktsituation zwischen gleichgeschlechtlichen Artgenossen am stärksten: Sie konkurrieren um schließlich auch um Partner – Fortpflanzung ist elementar und nur solche Tiere kommen hier erfolgreich zum Zuge, die ausreichend Nahrung, Wasser und sichere Plätze finden und auch behalten.

Das eigene Territorium zu verteidigen – sei des gegen den Rüden aus der Nachbarschaft oder den Postboten – erscheint dem Hund somit überaus sinnvoll, ebenso wie in der direkten Konfrontation die stärkere Position einnehmen zu wollen. Und was für ein Frust und welche Wut, wenn die Leine oder der Gartenzaun einen daran hindern, diesem existenziellen Bedürfnis nachkommen zu wollen. Das alles stresst den Hund ungemein, was ihn noch aggressiver macht. 

Aggression und Angst – Zwei Seiten derselben Medaille

Unter dem Aspekt der Überlebenssicherung beinhaltet aggressives Verhalten auch immer ein Wagnis: Die eigene Gesundheit und Sicherheit gefährdet der Hund im Kampf. Der Konfrontation auszuweichen wäre doch eigentlich oft sinnvoller – und in der Tat überwiegt dieses Verhalten, Meiden und Flüchten, zunächst oft bei normalen Hunden gegenüber dem offensiven Verteidigungsverhalten. Häufig leider nur solange, bis der Hund etwas anderes gelernt hat. Ein klassisches Beispiel: Der Hund betrachtet sein Spielzeug als wichtige Ressource und will es nicht abgeben. Der Mensch besteht darauf, nähert sich dem Hund – und der Hund wird in der Regel bei der ersten Situation dieser Art folgendes tun: Er wird sein Spielzeug aufnehmen und wegtragen. Er flüchtet vor der Bedrohung, die der Mensch in der Absicht des Wegnehmens für ihn darstellt. Er zeigt Angstverhalten, nur wird dies oft nicht so wahrgenommen. Der Mensch geht dem seiner Wahrnehmung nach „sturen“ oder „frechen“ Hund hinterher. Der Hund liegt nun flach auf dem Boden, über seiner wichtigen Ressource Spielzeug, und „friert“ zunächst in dieser Stellung ein. Der Mensch geht weiter auf ihn zu. Der Hund leckt sich über die Lippen, wendet den Kopf ab, schnüffelt vielleicht kurz am Boden. Diese sind Konfliktzeichen, die zeigen, dass der Hund stark erregt ist. Er befindet sich in einem Dilemma – die Strategie der Angst vor dem Konflikt -  Meiden und Flüchten  - scheint erfolglos gewesen zu sein, er sieht sich gezwungen, die Strategie zu ändern und aggressiv zu reagieren, wohlwissend, dass diese Reaktion auch für ihn risikoreich und gefährlich ist. All das stresst ihn ungemein, das Erregungslevel ist enorm hoch. Kommt der „Angreifer“ Mensch jetzt noch näher, ist es sehr wahrscheinlich, dass der Hund knurren, die Zähne fletschen und eventuell auch schnappen oder beißen wird. Gelingt es ihm damit, sein Ziel zu erreichen – nämlich dass der Mensch von ihm und seiner Ressource ablässt – dann wird er diesen Erfolg sehr schnell speichern und bei nächster Gelegenheit aggressives Verhalten schneller zeigen. Reagiert der Mensch in der Situation seinerseits aggressiv, indem er den Hund nun für sein Verhalten bestraft, dann ist eine Eskalation vorprogrammiert: Zu dem Konflikt um die Ressource bedroht man den Hund nun auch noch in seiner körperlichen Sicherheit – man lässt ihm in seinem Verhaltensrepertoire nun keine Wahl mehr: Er muss sich selbst verteidigen!

Aggression verstehen und Vorzeichen erkennen lernen

Der Schlüssel zur erfolgreichen Verhaltensänderung liegt darin, das Hundeverhalten möglichst genau zu beobachten und sich selbst erst einmal zu vergegenwärtigen, was eigentlich genau in welchem Kontext passiert: In welcher Situation, an welchem Auslöser und in welcher Befindlichkeit zeigt der Hund das Verhalten? Welche Konsequenz hat es?

Beeinflussen kann man im Training besonders die auslösenden Situationen und die Verhaltenskonsequenzen – vorausgesetzt, man lernt den Hund lesen und erkennt die Eskalation rechtzeitig. Sie verläuft in folgenden Stufen: Der Hund friert ein, spannt sich an, zeigt evt. einen ‚harten‘ fixierenden Blick; er knurrt, er zeigt die Zähne; er schnappt; er beißt. Wenn der Hund meint sich selbstverteidigen zu müssen, dann können diese Stufen mitunter sehr schnell durchlaufen werden. Leider gibt es auch einige Hunde, die kaum oder keine Zeichen dieser Eskalationsstufen zeigen; mit ihnen ist die Arbeit wesentlich schwerer.

Aufgabe des Menschen ist es, in diesen Situationen erst einmal akzeptables Verhalten einzufangen und zu belohnen, egal um welche Verhaltensreaktion es sich handelt. Anfangs ist jedes kleine Abwenden vom Auslöser beispielsweise in höchstem Maße belohnungswürdig. Das Training wird nur dauerhaft erfolgreich sein, wenn die Belohnungen bzw. Verstärker für den Hund in diesem Kontext Sinn machen, sprich: Sie dieselbe Funktion für ihn erfüllen, die die Reaktion gehabt hätte, die er zeigen wollte. Wenn der Hund also beim Anblick des Auslösers

flüchten will, dann ist es eine gute Form der Verstärkung, ihn mit einem in die vom Auslöser abgewandte Richtung geworfenem Leckerli zu belohnen. Das Abwenden wird dann vom Hund als eigentliche Belohnung wahrgenommen – das Futter ist nur noch der Zuckerguss.

Für das Training gilt: Zähne zusammenbeißen und durchhalten! Managementmaßnahmen sind anfangs unerlässlich. Gerade wenn der Hund schon gebissen hat, ist auch eine Maulkorb-Gewöhnung sinnvoll.

Bei aggressiven Hunden ist Aggressivität oft zur Gewohnheit geworden, weil sie in bestimmten Situationen den gewünschten Erfolg und innere Befriedigung gebracht hat. Gewohnheiten sind schwer abzulegen. Dennoch kann das gelingen, wenn der Mensch für den Hund sinnvolle Alternativen bietet, die auch für ihn sicher und zielführend sind.